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Amy*s Geschichte

drusilla - 12.07.2006 - 21:13 Uhr

Ich hab einen Job. Gut, das können jetzt andere auch von sich behaupten (aber nicht jeder ) doch meine Begegnungen regen manchmal zum Denken an.

Eines frühlingshaften Abends wurde ein kleines Mädchen zu uns eingeliefert. Hochdramatisch mit Notarzt. Die kleine Amy hatte zu wild am Urfahranerfest geschaukelt und sich dabei auf der Stirn eine Platzwunde zugezogen. Riesen Aufschrei, Menschenmenge, eine Blutlake, der Notarzt musste her. Gut. Da war er. Drückt mir die Aufnahmedaten mit Augen rollen und den Worten in die Hand: gehört genäht. Aha. Diese immense Motivation dürft ihn auch vergessen lassen haben dass Unfall gleich Unfallkrankenhaus ist, und nicht hier. Egal.
Ich sag’s unserem Diensthabenden Chirurgen weiter, der wie erwartend maulend über dieses nicht informierte Eintreffen die kleine Amy etwas warten lassen musste. Währenddessen unterhielt ich mich mit ihr. Ihre Eltern waren vermutlich auf dem Weg zu ihr, auch vermutlich auf dem Weg in das falsche KH. Amy hatte wunderschönes langes schwarzes Haar, das seidig über ihren Rücken glänzte. Und große dunkelbraune Knopfaugen, die neugierig und wissbegierig in unserem Schockraum schweiften. Ihr kleiner weißer Tiger war ganz schmutzig und blutverschmiert. Während ich ihn versuchte zu reinigen und ihm dann den gleichen Kopfverband, wie Amy in hatte, anlegte,
erzählte sie mir, dass der weiße Tiger ein Geschenk ihres Opas war, der sich in Las Vegas die Show mit den weißen Tigern ansah und seitdem immer ihr Begleiter war. Außerdem ging Amy schon in die 2.Klasse, spielte Klavier und würde allzu gerne Tierärztin werden. “Obwohl das noch nicht so sicher ist, weil sich das ganz schnell ändern kann,” wie sie nachdenklich meinte.
Amy wollte wissen, wofür wir so viele Geräte haben und wie Alles funktioniert. Ich klebte ihr EKG-Elektroden auf, und zeigte ihr am Monitor wie ihr Herz schlägt. Mit dem Stethoskop hörte sie dann alles Mögliche ab und stellte fest, dass sogar Paul’s Herz schlug. Ganz schnell. “Weil er noch nie in einem Krankenhaus war und deswegen sehr aufgeregt ist” erklärte sie mir.
Neugierig guckte sie in die Lade mit den Nadeln und Spritzen, wunderte sich darüber, welch große Spritzen wir haben und ich versprach ihr, dass sie sich so eine große Spritze mit nach Hause nehmen darf. Amy erzählte mir von ihrer Schwester. Lisa war 4 Jahre älter als Amy und letztes Jahr einige Monate im Spital. Amy besuchte Lisa fast täglich, darum waren ihr solch lange sterile Gänge nicht fremd. Irgendwann durfte Amy Lisa nicht mehr besuchen. “Weil zu viel Besuch hätte ihre Schwester noch kränker werden lassen können,
“da so viel verschiedene Bakterien von der Strasse mit reinkommen. Verstehst du?!” Teilte sie mir fast fachkundig mit. Zu Schulbeginn wurde Lisa beerdigt. Ihre Eltern haben Lisas Sachen noch im Zimmer gelassen, was Amy auch nicht stört, weil sie gerne auf Lisas Seite sitzt und dort Gespräche mit ihr führt. Sie erzählt ihr, was es Neues gibt, oder wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft und gerade Meinungsverschiedenheiten mit ihren Eltern hat.
“Ich weiß, dass es ihr da wo sie jetzt ist besser geht. Ich hab schon gesehen, dass sie keine Haare mehr hatte und überall blaue Flecken. Auch wenn Mama mir immer sagte dass alles gut werden wird. Ich hab es gespürt dass sie Schmerzen hatte und nicht mehr Leben wollte. Oder ankämpfen konnte. Gegen den Krebs.”
Amy klingt so plötzlich gar nicht mehr wie ein Kind, sondern wie ein viel zu schnell erwachsen gewordener Backfisch. In ihren Augen spiegelt sich eine tiefe Traurigkeit gepaart mit Enttäuschung wieder.

Endlich ist es soweit, der Chirurg weht mit Elan um die Ecke und Amy bekommt endlich ihre Behandlung. Tapfer steht sie die 5 Nähte an der Stirn durch, erzählt uns sogar währenddessen, dass sie ihrem Kaninchen Sammy gerade versucht, Kunststücke beizubringen. Amy’s Eltern haben sich derweil auch eingefunden in der Notaufnahme und Amy zeigte ihnen stolz die Stirn die nun von einem Einhorn-Pflaster geziert war. Und ihre Geschenke, wie die Spritzen in allen Farben und Größen, die sie sich wirklich verdient hat.
Nach einem kurzen Gespräch mit den Eltern wird entschieden, noch eine Untersuchung des Kopfes zu machen. Nur zur Sicherheit. Dass man nichts übersieht.
Immerhin ist Amy fest mit dem Kopf aufgeschlagen. Und es ist ja nur ein Foto. Als Amy hört, dass man ein Foto von ihrem Gehirn machen will, ist sie hellauf begeistert. So was hat sie ja noch nie gehört und sie wird das Foto jedem in der Schule zeigen.
Während der Untersuchung muss Amy allein in dem Raum liegen, aber Paul darf dabei sein. Amy liegt ganz still in der Röhre und schlägt sich wacker im Dunkeln. Die Untersuchung dauerte keine 5 Minuten.

Amy starb nicht wegen des Tumors in ihrem Kopf. Die Komplikation in Form von Nachblutung ließ sie sterben. Amy wusste dass sie nicht mehr aufwachen würde. Als man ihr vor der Operation ihre langen samtigen Haare abschnitt und diese tröstend für sie aufbewahren wollte, meinte sie trocken dazu: “Nein, die will ich nicht und die brauch ich nicht mehr. Nie wieder. Gebt sie in den Müll. ”
Beim Einschleusen in den OP ließ sie auch den weißen Tiger zurück: “Paul schenk ich euch, er soll anderen Glück bringen. Er ist nämlich ein Glücktiger. ” Beim Einschlafen vor der Operation flüsterte Amy: “Jetzt werd ich ein Schmetterling!”
Kinder begegnen dem Tod und dem Sterben anders als Erwachsene. Normal. Ohne Furcht und Angst. Das bestätigt sich immer wieder.
* Dies ist keine fiktive Geschichte, sie ist so passiert vor 1 Jahr. Allein die Namen hab ich geändert.

heute ists soweit...

drusilla - 09.05.2006 - 08:24 Uhr

die haare kommen ab... schnipp schnapp....

Das Gespräch des Tages

drusilla - 29.04.2006 - 19:52 Uhr

Der H. und ich waren zu faul uns zu treffen, zweng des Wetters. Sind halt beide faule Schweine. Dafür leiden wir beide unter telefonitis und förderten die Telekom heut 4 Stunden lang.

Endzeitstimmungsphilosophie.

Das Ende, das ich für meinen Teil vor kurzem schon hinter mich gebracht hab steht dem H. schon seit Wochen bevor. Und wenn er nicht ein zu gutmütiger (verliebter) Mensch wär, hätt er seine Akute schon längst befördert, bei den Leistungen die sie liefert.

Ich: was hältst du eigentlich von "Freundschaft" nach einer Beziehung?
H: HÄ?! Was ist denn das?
Ich: naja, wenn man sich doch mag und versteht könnt man doch in Kontakt bleiben.
H: Wenn man sich mag, geht's selten in die Brüche. Und Kontakte hat doch jeder genug.
Ich: naja, ich kenn das ja auch nicht, aber der Letzte hat's mir halt angeboten.
H: Ah... der der dir's eh dezent zeigt, dass du ihm mehr als scheissegal bist?
Ich: ähm... hm... ich glaub der ist's. Angeboten hat's ja er.
H: Schneckchen, du weisst es doch: Männer reden manchmal irgendwas. Viel Blödsinn. Und sind feige Schweine. Mich nicht ausgenommen.
Ich: ja eh...
H: Und ehrlich... du hast genug Freunde hier, warum solltest du dir welche 200km weiter weg suchen? Du definierst doch Freundschaft nicht oberflächlich?! Wenns dir dreckig geht, ist keiner von denen da, mit denen man 3 mal im Jahr telefoniert.
Ich: hm...
H: Denk mal darüber nach, zu wie vielen EXen du Kontakt hast oder möchtest. Also ich zu keiner einzigen. Und hätt ich mit meiner Geschiedenen nicht die Verbindung über die Kids, könnt sie mir auch gestohlen bleiben. Wenn's vorbei ist, dann meist auch, weil man keine gemeinsame Basis mehr hat. Und die kann man sich nicht durch eine Freundschaft wieder herzaubern.


Schweigeminute.

Oh wie wahr eigentlich.

soll ich ... oder doch nicht...

drusilla - 28.04.2006 - 15:49 Uhr

Mein Haar mißt aktuell an der längsten Stelle 83 Zentimeter.
Ich habe 30 Zähne und gerade mein Idealgewicht von 46kg wieder erreicht.
Ich habe außerdem:
206 Knochen, keiner davon je gebrochen.
1 Herz. Geschmeidiger Muskel, alle Härtetests bestanden, bisher.
10 Finger, die ziemlich viel - vom Tippen bis zum G‘schirrabwaschen - können.
2 Beine, die rennen können.
2 Augen, die sehen.
2 Ohren, die hören.
1 Bauch, der für gewöhnlich recht behält.
1 Nabel, ausgesprochen wohlgeformt.
1 manchmal ziemlich hungriges und manchmal etwas krankes Hirn.
1 Haut (gut und dicker, als ich in manchen Momenten glaube)
1 Seele (empfindsamer, als ich es manchmal zugeben möcht, aber trotzdem nicht unterzukriegen)
1 Rücken (breiter, als ich in manchen Momenten glaube)

Mir geht's also im Grunde ziemlich gut.

Die aktuelle Frage die mich beschäftigt: Soll ich mein Haar nun schneiden lassen oder nicht.
Es heisst immer: eine neue Liebe, eine neue Frisur.
Nur was, wenn die alte Liebe gegangen ist?
Veränderung muss auf jeden Fall her.
Radikal schnipp schnapp oder kaum merkbares stutzen?
Eine grelle Farbe oder dezente Naturtöne?

Mir scheint, ich bin in meiner Stimmung doch noch etwas deviant.

:coyote:

erinnerungen an eine alte zeit...

drusilla - 26.04.2006 - 21:46 Uhr

Eines Abends vor vielen Jahren, der Sommer war noch nicht ganz in den Herbst übergegangen und ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmer Nieselregen überglänzte den geduldigen Asphalt wie mit flüssigem Metall, schlich ich, tieftragische Liebestrauer in Herz und Bauch, nach Hause. Nach Hause, ha. Wenn ich nur wüsste, wo das ist, zuhause.
Ich blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken, stand da in einer Straßenschlucht und schaute in einen verhangenen Himmel, der nie ganz dunkel wird in der großen Stadt. Spürte, wie die feinen Tropfen mein Gesicht und meine Haare überzogen. Spürte, wie sich mein Herz zusammenzog und eine Sekunde später platschend vor meinen Füßen landete. Sah, wie es langsam davonschwamm in das feuchte Grau einer kaum belebten Nebenstraße. Wer hätte es aufhalten können?
Man sagt, daß man im Augenblick des Schocks nichts spürt, und es stimmt. Ich stand da mitten auf dem Gehsteig, langsam hüllte mich das stete Rauschen eines für die Jahreszeit ungewöhnlich warmen Regens ein, etwas in mir war schrecklich unbewohnt, und irgendwann beschlossen meine Beine, ihren Weg fortzusetzen. Wenigstens das.
So schlich ich weiter, meiner Bleibe entgegen, die ich nicht mehr Zuhause nennen wollte, und ein hellrotes Sehnen schraubte sich plötzlich durch meine Brust, so heftig, dass meine Augen übergingen. In diesem Augenblick hörte ich Schritte hinter mir. Jemand holte mich ein. Ging ein Stück neben mir. Dann:
"Ach, entschuldige - weißt du, wie spät es ist?" Eine angenehme Stimme, männlich, leise, deutscher Akzent. Ich blieb verdutzt stehen. Schaute zerstreut auf meine Uhr. Sagte die Uhrzeit, irgendwas um 9, halb 10 herum.
"Danke!"
"Gern." Ich wollte meinen Weg fortsetzen, aber meine Beine hatten den Befehl noch nicht erhalten. Er schaute mir jetzt ins Gesicht.
"Sag mal, heulst du?"
Ich schaute ihn nun meinerseits an. Blonder Schopf, freundliche Augen, die mich beobachteten. Ein Lächeln in einem angenehmen Gesicht. Etwas in mir wurde weich und gab nach. Mein Gesicht war sowieso schon naß.
"Nein, ist nur der Regen", antwortete ich.
Er legte den Kopf schief. "Weshalb weinst du?"
In mir brach ein Damm. Ich schüttelte den Kopf, während mir die Tränen nur so herunter rannen. "Nichts Erzählenswertes. Das übliche, du weißt."
"He," sagte er. "Weißt du was? Ich erzähl dir einen Witz. Es ist ein schlechter Witz, und ich weiß nicht, ob er was hilft, aber ich erzähl ihn einfach."
Und dann erzählte er mir seinen Witz, während wir da auf einem immer nasser werdenden Asphalt standen, und es liegt allein an meiner Unfähigkeit, mir Witze zu merken, daß ich ihn an dieser Stelle nicht wiedergeben kann.
Und als er fertig war, musste ich lachen, und aus dem Rinnsal unter dem Randstein löste sich etwas, das freudig an mir hoch sprang wie ein verlorener Welpe. Mein Herz. Vorsichtig nahm ich es in beide Hände und streichelte es. Es zitterte, aber es lebte.
Ich lachte und streichelte behutsam die kostbare Fracht in meinen Händen. In meinem Mundwinkel schmeckte es salzig.
"Danke," sagte ich, und kam mir komisch vor dabei.
Er lächelte mich an. "Gern geschehen. He, und.. Mach's gut!"
"Danke" flüsterte ich noch einmal. Aber da war er schon eine Gasse weiter. Und ich setzte meinen Weg fort durch das Wetter, mein Herz an seinem angestammten Platz, Regen über mir, der jetzt richtig dicht war.
Und plötzlich wurde mir warm, und ich wusste, dass es immer einen Ort gibt, an dem man ankommen kann. Ein Gefühl, das mich seither nicht verlassen hat.
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