Ich hab einen Job. Gut, das können jetzt andere auch von sich behaupten (aber nicht jeder ) doch meine Begegnungen regen manchmal zum Denken an.
Eines frühlingshaften Abends wurde ein kleines Mädchen zu uns eingeliefert. Hochdramatisch mit Notarzt. Die kleine Amy hatte zu wild am Urfahranerfest geschaukelt und sich dabei auf der Stirn eine Platzwunde zugezogen. Riesen Aufschrei, Menschenmenge, eine Blutlake, der Notarzt musste her. Gut. Da war er. Drückt mir die Aufnahmedaten mit Augen rollen und den Worten in die Hand: gehört genäht. Aha. Diese immense Motivation dürft ihn auch vergessen lassen haben dass Unfall gleich Unfallkrankenhaus ist, und nicht hier. Egal.
Ich sag’s unserem Diensthabenden Chirurgen weiter, der wie erwartend maulend über dieses nicht informierte Eintreffen die kleine Amy etwas warten lassen musste. Währenddessen unterhielt ich mich mit ihr. Ihre Eltern waren vermutlich auf dem Weg zu ihr, auch vermutlich auf dem Weg in das falsche KH. Amy hatte wunderschönes langes schwarzes Haar, das seidig über ihren Rücken glänzte. Und große dunkelbraune Knopfaugen, die neugierig und wissbegierig in unserem Schockraum schweiften. Ihr kleiner weißer Tiger war ganz schmutzig und blutverschmiert. Während ich ihn versuchte zu reinigen und ihm dann den gleichen Kopfverband, wie Amy in hatte, anlegte,
erzählte sie mir, dass der weiße Tiger ein Geschenk ihres Opas war, der sich in Las Vegas die Show mit den weißen Tigern ansah und seitdem immer ihr Begleiter war. Außerdem ging Amy schon in die 2.Klasse, spielte Klavier und würde allzu gerne Tierärztin werden. “Obwohl das noch nicht so sicher ist, weil sich das ganz schnell ändern kann,” wie sie nachdenklich meinte.
Amy wollte wissen, wofür wir so viele Geräte haben und wie Alles funktioniert. Ich klebte ihr EKG-Elektroden auf, und zeigte ihr am Monitor wie ihr Herz schlägt. Mit dem Stethoskop hörte sie dann alles Mögliche ab und stellte fest, dass sogar Paul’s Herz schlug. Ganz schnell. “Weil er noch nie in einem Krankenhaus war und deswegen sehr aufgeregt ist” erklärte sie mir.
Neugierig guckte sie in die Lade mit den Nadeln und Spritzen, wunderte sich darüber, welch große Spritzen wir haben und ich versprach ihr, dass sie sich so eine große Spritze mit nach Hause nehmen darf. Amy erzählte mir von ihrer Schwester. Lisa war 4 Jahre älter als Amy und letztes Jahr einige Monate im Spital. Amy besuchte Lisa fast täglich, darum waren ihr solch lange sterile Gänge nicht fremd. Irgendwann durfte Amy Lisa nicht mehr besuchen. “Weil zu viel Besuch hätte ihre Schwester noch kränker werden lassen können,
“da so viel verschiedene Bakterien von der Strasse mit reinkommen. Verstehst du?!” Teilte sie mir fast fachkundig mit. Zu Schulbeginn wurde Lisa beerdigt. Ihre Eltern haben Lisas Sachen noch im Zimmer gelassen, was Amy auch nicht stört, weil sie gerne auf Lisas Seite sitzt und dort Gespräche mit ihr führt. Sie erzählt ihr, was es Neues gibt, oder wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft und gerade Meinungsverschiedenheiten mit ihren Eltern hat.
“Ich weiß, dass es ihr da wo sie jetzt ist besser geht. Ich hab schon gesehen, dass sie keine Haare mehr hatte und überall blaue Flecken. Auch wenn Mama mir immer sagte dass alles gut werden wird. Ich hab es gespürt dass sie Schmerzen hatte und nicht mehr Leben wollte. Oder ankämpfen konnte. Gegen den Krebs.”
Amy klingt so plötzlich gar nicht mehr wie ein Kind, sondern wie ein viel zu schnell erwachsen gewordener Backfisch. In ihren Augen spiegelt sich eine tiefe Traurigkeit gepaart mit Enttäuschung wieder.
Endlich ist es soweit, der Chirurg weht mit Elan um die Ecke und Amy bekommt endlich ihre Behandlung. Tapfer steht sie die 5 Nähte an der Stirn durch, erzählt uns sogar währenddessen, dass sie ihrem Kaninchen Sammy gerade versucht, Kunststücke beizubringen. Amy’s Eltern haben sich derweil auch eingefunden in der Notaufnahme und Amy zeigte ihnen stolz die Stirn die nun von einem Einhorn-Pflaster geziert war. Und ihre Geschenke, wie die Spritzen in allen Farben und Größen, die sie sich wirklich verdient hat.
Nach einem kurzen Gespräch mit den Eltern wird entschieden, noch eine Untersuchung des Kopfes zu machen. Nur zur Sicherheit. Dass man nichts übersieht.
Immerhin ist Amy fest mit dem Kopf aufgeschlagen. Und es ist ja nur ein Foto. Als Amy hört, dass man ein Foto von ihrem Gehirn machen will, ist sie hellauf begeistert. So was hat sie ja noch nie gehört und sie wird das Foto jedem in der Schule zeigen.
Während der Untersuchung muss Amy allein in dem Raum liegen, aber Paul darf dabei sein. Amy liegt ganz still in der Röhre und schlägt sich wacker im Dunkeln. Die Untersuchung dauerte keine 5 Minuten.
Amy starb nicht wegen des Tumors in ihrem Kopf. Die Komplikation in Form von Nachblutung ließ sie sterben. Amy wusste dass sie nicht mehr aufwachen würde. Als man ihr vor der Operation ihre langen samtigen Haare abschnitt und diese tröstend für sie aufbewahren wollte, meinte sie trocken dazu: “Nein, die will ich nicht und die brauch ich nicht mehr. Nie wieder. Gebt sie in den Müll. ”
Beim Einschleusen in den OP ließ sie auch den weißen Tiger zurück: “Paul schenk ich euch, er soll anderen Glück bringen. Er ist nämlich ein Glücktiger. ” Beim Einschlafen vor der Operation flüsterte Amy: “Jetzt werd ich ein Schmetterling!”
Kinder begegnen dem Tod und dem Sterben anders als Erwachsene. Normal. Ohne Furcht und Angst. Das bestätigt sich immer wieder.
* Dies ist keine fiktive Geschichte, sie ist so passiert vor 1 Jahr. Allein die Namen hab ich geändert.